Royal unterwegs

König-Ludwig-Weg

vom Starnberger See nach Füssen

Lesezeit: 24 Minuten

Auf den Spuren des Märchenkönigs

Mit dem Alpen-Sylt-Nachtexpress nach München

Was für eine großartige Erfindung dieser Alpen-Sylt-Express doch war. Über Nacht hatte man die Möglichkeit im Sitzabteil, im Mehrpritschenabteil oder in einem feudalen Schlafabteil mit richtigem Bett und Kabinenservice zu verweilen. Als Ziele konnten Salzburg oder Basel angewählt werden. Leider wurde der Express im Juli 2022 eingestellt.

Gruppenkuscheln

Bewaffnet mit meinem Sitzabteil-Ticket fand ich mich rechtzeitig am späten Nachmittag am Westerländer Bahnhof ein. Den Rucksack stramm gepackt, denn es sollte wieder auf Wanderschaft gehen. Am Bahnhof erfuhr ich, dass der Wagen, der die Sitzabteile beherbergt, nicht am Zug vorrätig war. Mir wurde ein Mehrpritschenabteil zugewiesen. Noch war es leer. Wer mich kennt, weiß, dass Gruppenkuscheln nicht so mein Ding ist. Deswegen hatte ich im Sitzabteil gebucht. Nun soll man neuen Dingen aber auch eine Chance geben und langsam füllte sich das Abteil mit sechs Personen. Mein Monk schrie und ich fragte den Zugbegleiter, ob ich vielleicht die Möglichkeit hätte, ein weniger prall gefülltes Abteil zu bekommen. Im hinteren Teil des Zuges waren alle Abteile leer. Für den Schaffner war der Pferch bequemer, trotzdem schloss er ein leeres Abteil für mich auf.

Wagon des Alpen-Sylt-Expresses mit Schriftzug: 1000 Kilometer bis zum Gipfel.

In Hamburg war es schon recht spät und ich war kurz vor dem Einschlafen als – bämm – die Tür aufflog und zwei Radlerinnen das Abteil betraten. Der Deckenfluter wurde in Betrieb genommen, die oberen Liegen heruntergelassen und die Fahrradtaschen nach oben gepfeffert. Schweißgeruch füllte den Raum und ich wusste – die Mädels hatten ihren Urlaub hinter sich.

Feet on my pillow

Sie waren sichtlich erledigt und schliefen auch gleich ein. Die Nacht blieb ruhig und mit neuer Energie wachte ich vor Nürnberg wieder auf und begab mich zur Morgenroutine. Leise schlich ich aus dem Abteil und auch wieder zurück. Im Anschluss versuchte ich, mir ein Frühstück zu ergattern. Ein Kaffee musste reichen, denn Lunchpakete gab es nur, wenn man online bestellt hatte. Kein Problem – Kaffee war ausreichend. Zurück im Abteil musste ich zweimal hinsehen: Da lag doch die Dame, die eben noch oben friedlich geschlummert hatte, in meinem Pritschenbett, mit ihren Füßen auf dem Kopfkissen, an meinem Fensterplatz.

Berg am Starnberger See

Bei bestem Wetter kam ich in München an. Ich flitzte schnell zur S-Bahn und stieg in Starnberg Nord in den Bus nach Wolfratshausen. An der Haltestelle „Grafstraße“ hatte ich mein Ziel erreicht. Von hier aus ging es zu Fuß zum Trailhead.

Da stand ich nun voller Vorfreude auf die kommenden Tage an der Votivkapelle. Ich schaute direkt auf den Starnberger See. Dieser lag sommerlich und voller Abenteuer vor mir und lud mich zum Verweilen ein. Am Seerand konnte ich das Kreuz erkennen, welches wie die Kapelle zum Gedenken an den Märchenkönig, „da Kini“, errichtet worden war. Ein kreativer König, mit viel Neugier, Stil und Fantasie. Künstlerisch hochbegabt. Neuschwanstein, Herrenchiemsee und Linderhof – alles Meisterwerke. Befreundet mit Wagner und Sisi. Er sollte mich auf meinem Weg begleiten.

An diesem Tag musste ich nur bis Kempfenhausen gehen. Dort wartete mein erstes Bett auf mich. Also schlenderte ich in Richtung Nordufer des Starnberger Sees. Die Zeit ließ es zu, dass ich an jeder wunderbaren Stelle den See genießen und meinen Gedanken nachgehen konnte.

Kempfenhausen

Viel zu schnell gelangte ich an meine Kreuzung und musste nach Kempfenhausen abbiegen. Von hier war es nicht mehr weit zum Gasthof. Noch müde von der Nachtfahrt trabte ich den Milchberg nach Manthal entlang. Es war früh am Nachmittag und so lief ich noch weiter nach Harkirchen. Die kleine katholische Filialkirche St. Peter und Paul zog mich kurz in ihren Bann. Leider war die Kirche verschlossen und so lief ich noch ein Stück weiter und fand eine Bank an einer Kreuzung. Dort setzte ich mich hin und genoss die Stille.

Gegen 16:00 Uhr suchte ich meinen Gasthof, aß einen leckeren Maultaschensalat und ging in mein Zimmer. Ich organisierte meinen Rucksack neu und bereitete mich auf die Etappe nach Dießen vor. Schnell fand ich an diesem Tag in die Träume.

Dießen am Ammersee

Um 4:00 Uhr klingelte der Wecker. Ich sortierte mich kurz und stand auf. Angezogen und den Rucksack aufgesattelt schlich ich mich leise aus dem Haus. Frühstücken wollte ich unterwegs. Der Weg führte mich zum Nordufer des Starnberger Sees, der auch gerade am Erwachen war. Bei den Seestubn Percha hatte ich einen wunderbaren Blick zur Zugspitze. Ich streuselte über den Planetenweg zu den hölzernen Fußgängerbrücken und nahm Abschied vom See.

An der S-Bahn-Station kaufte ich mein Frühstück und setzte mich gegenüber an einen Brunnen. Nach Panini Tomate-Mozzarella und einem XXL-Kaffee suchte ich meinen Einstieg zur nächsten Etappe. Mal wieder präsentierte sich der richtige Weg als falsch und so kam es, dass ich noch eine kleine Ortsführung in Starnberg bekam.

Auf dem richtigen Weg erreichte ich dann die Maisinger Schlucht. Nicht umsonst wird sie als magisch beschrieben. Klein aber fein. Verzaubert kam ich in Maising an und bog in Richtung Maisinger See ab. Am See gönnte ich mir ein paar Minuten und genoss auch hier die Stille. Dann ging es durch ein Waldgebiet und auf einem Weg mit Alpenblick gelangte ich nach Aschering. Ab hier lief ich parallel mit dem Münchener Jakobsweg weiter in Richtung Kloster Andechs.

Charlotta

Neugierige Ziege in der Anlage JVA Rothenfeld. Getauft auf den Namen Charlotta.

Durch ein weiteres Waldstück hindurch kam ich auf eine Straße, die genau zur JVA Rothenfeld und vorbei führte. Dort lernte ich Charlotta kennen. Sie wohnte in der JVA und wir tauschten einige Minuten unsere Gedanken zum Tag aus. Die Ziege erklärte mir, dass es ein „Promi-Knast“ sei, nuschelte „Starkoch Alfons Schuhbeck“ und zwinkerte mir zu. Weiter ging der Weg an einem kornblumenbespickten Weizenfeld durch die Mittagssonne dem Kloster Andechs entgegen. Gibt es eigentlich das Wunsch- und Wahlrecht auch bei JVA-Aufenthalten?

Zeit für die Mittagspause

An der nächsten Biegung konnte ich es dann schon sehen. Das Kloster Andechs lag auf dem Heiligen Berg direkt vor mir. Links war eine große Anlage von Beeten, an denen Männer und Frauen arbeiteten. Der Kreuzweg begann und leitete mich direkt zum Kloster. Nach dem Besuch der Wallfahrtskirche ging es in das benachbarte Restaurant. Vom Biergarten aus konnte man in das Land schauen und ich ließ mir meinen gefüllten Spitzpaprika schmecken.

Gegenüber der Klosterkirche gelangte ich zu den Treppen, die mich hinab ins Kiental führten und somit nach Herrsching. Knapp 26 km lagen hinter mir. Das Schiff, welches mich über den Ammersee bringen sollte, legte gerade ab. So streuselte ich die Promenade entlang und setzte mich auf eine Bank in den Schatten. Über dem See zogen Wolken auf. Mein einziger Wunsch: Das Zelt trocken aufbauen. Eigentlich hätte ich nach Dießen übersetzen müssen, aber ich wollte in Utting übernachten und am nächsten Morgen dann mit der Bahn nach Dießen fahren.

Sommerhagel

Als ich in Utting ankam, war der „Badeturm“ am Ammersee noch rappelvoll. Die Wolken färbten sich langsam dunkler. Ich checkte ein und freute mich, dass diesmal die Wiese fast leer war. Es war zwar erst Juni, aber trotzdem schon sehr warm. Nur zwei weitere Zelte befanden sich an den anderen Enden des Platzes. Schnell stand die „Dackelgarage“ und das Tarp war gespannt. Dann schlenderte ich noch zum Edeka-Markt und deckte mich mit Abendessen und Frühstück ein.

Nach der Fütterung ging ich ins Duschhaus und machte mich schlafsackfertig. Der Himmel war inzwischen sehr dunkel und frischer Wind zog auf. Ich kuschelte mich in meine Daunen und döste schnell weg. Merkwürdige Schläge auf dem Tarp weckten mich gegen 22:00 Uhr. Meine Front hatte ich für besseres Klima halb offen gelassen und traute nun meinen Augen nicht. Tennisballgroße Hagelkörner hüpften über die Wiese und auf meiner Schlafstatt. Gut abgespannt ist gut geschlafen und so schloss ich die Augen wieder.

Wessobrunn

Der Wecker klingelte gegen 5:00 Uhr. Die Nacht war gut überstanden. Mein Außenzelt war voller Nacktschnecken, auch die Wanderschuhe hatten Besucher. Vorsichtig und – ich gebe es zu – etwas angeekelt, entfernte ich die ungebetenen Gäste. Ich trennte das Trockene vom Nassen und verstaute alles im Rucksack. Der Kiosk am Campingplatz hatte noch geschlossen und auch am Bahnhof gab es keinen Kaffee. So nahm ich die nächste Bahn und stieg in Dießen wieder aus. Im Ort besorgte ich mir meine Morgenhilfe in einem Café und setzte mich mit meinem Frühstück an den Marienmünster und startete fröhlich in den Tag.

Kalktuff und Sankt Mechthild

Die Etappe war wenig spektakulär, aber trotzdem schön. Bis auf die Bremsen, aber dazu kommen wir später. Der Marienmünster verschwand langsam hinter mir. Ich kam an wirklich sehr schönen Häusern mit kreativen Gärten vorbei. Nahe am Wald bog ich auf den Waldlehrpfad und gelangte zu den Kalktuffterrassen. Klingt langweilig – ist es aber nicht. Kalktuff wurde damals sogar als Baumaterial verwendet.

Ein Stück weiter fand ich den Mechthildisbrunnen mit einer kleinen Kapelle. Sankt Mechthildis wurde 1125 geboren und soll Blinde geheilt haben. Mit nur 35 Jahren endete ihr Leben und sie ruht nun im Marienmünster. Weiter aufwärts erreichte ich die Burgkapelle, an der ich eine kurze Pause einlegte. Dann ging es aus dem Wald heraus auf eine kleine Straße.

Raisting und die Bremsen

Von der kleinen asphaltierten Straße hatte ich nun einen wunderbaren Blick auf den Hohen Peißenberg und die Alpenkette. Vorbei an einer weiteren Bank des König-Ludwig-Weges (und es sollten noch viele folgen) ging es nun knapp 5 km auf Asphalt weiter. Für die Füße kein Wellness. Umso glücklicher war ich, als das nächste Waldstück begann. Die Einsamkeit war schon recht gespenstig, aber tausende Bremsen begleiteten mich. Irgendwann nahm ich meinen Wanderführer und erschlug die Biester an mir … Dann nahm der Koch die Kelle und schlug … zu Brei. Ziemlich zerbissen kam ich an das Ende des Waldes und freute mich, dass ich diese Tortur hinter mir hatte.

Weiter ging es dann wieder auf befestigtem Weg. An einer Bank traf ich zwei Frauen, die auf dem Münchener Jakobsweg unterwegs waren. Unsicher, ob sie den richtigen Abzweig genommen hatten, kamen wir kurz ins Gespräch. Da ich gerne alleinreisend bin, verabschiedete ich mich recht schnell und ging weiter. Auf der linken Seite konnte ich bis Raisting schauen und erkannte sogar die Anlage mit ihren Aufbauten. Die Erdfunkstelle kommuniziert über Richtfunk mit Satelliten und stellt so eine weltweit kabellose Datenübertragung sicher. Cool, oder? Nach der nächsten Kurve hatte ich mein Ziel erreicht: Kloster Wessobrunn.

Das Kloster Wessobrunn hat viel zu bieten. Ein Museum, eine kleine Kirche, einen Klosterladen. Es gibt sogar einen Veranstaltungskalender mit Seminaren. Reinschauen lohnt sich auf jeden Fall. Und die Tassilolinde muss man unbedingt besucht haben!

Cappuccino-Geschichten

Für mich endete die Etappe hier. Da wieder Regen aufzog, hatte ich mir ein Pensionszimmer gebucht. Bevor mir der nette Herr des Hauses den Schlüssel überreichte, setzte ich mich mit meinem Etappen-Cappuccino vor ein Café. Meinen Rucksack hatte ich neben die Bank gestellt. Es dauerte gar nicht lange, da gesellte sich der erste Gast zu mir. Ich hörte mir geduldig seine Lebensgeschichte an. Es sollten noch viele Geschichten folgen. Die beiden Damen kamen nun auch am Café vorbei und suchten nach der Bushaltestelle. Sie hatten ihr Quartier in Weilheim. Diesen Gedanken zur Übernachtung hatte ich vorher glücklicherweise aufgrund der schlechten Verbindung verworfen.

Dankbar für den Schlüssel und im Zimmer angekommen, packte ich meine klitschnassen Sachen aus. Das Zelt und das Tarp hängte ich im Badezimmer, den Schlafsack im Zimmer auf. Es dauerte gar nicht lange und der Regen kam.

Hohenpeißenberg

„Der Paterzeller Eibenwald bedeutet einen kleinen, aber lohnenswerten Umweg.“ So stand es geschrieben. Der Regen hatte aufgehört, meine Sachen waren über Nacht getrocknet und noch war es kühl am Morgen. Und so trabte ich los. Das Café vom Vortag versorgte mich mit Frühstück. „Sie haben ja uffgepackt“. „Ja, zwei Zimmer, Küche, Bad.“ Nach einem netten Plausch zog ich los. In Richtung Schlittgraben und dann sollte es 150 Stufen nach oben gehen. Die Wegbeschreibung und Beschilderung war bis zu diesem Zeitpunkt großartig gewesen, aber am Eibenlehrpfad verlor ich für einen kurzen Augenblick die Orientierung, die Belohnung erfolgte aber prompt. Der Pfad war zwar sehr giftig, aber interessant.

Keine Chance für Vampire

Ich hatte meinen Aufstieg erreicht. Die 150 Stufen liefen sich besser als gedacht. Schweißtreibend war es trotzdem. Es war durch den Regen sehr schwül geworden und die hohe Luftfeuchte machte sich bemerkbar. Die Luft stand. Und roch. Der ganze Weg war von Bärlauch gesäumt. Ein Zwiebel-Knoblauch-Schnittlauch-Geruch begleitete die Anstrengung. Über Vampire musste ich mir an diesem Tag keine Gedanken machen.

St. Leonhard verschaffte mir eine großartige Rast, bevor es weiter zum Hohen Peißenberg ging. Ich durchquerte die Ortschaft und kam an der Marienkirche vorbei. Danke für die Toilette. Ich passierte die riesige Marienlinde und wanderte Richtung Höllgraben. Nach knapp 4 km Waldwanderung durchquerte ich Buschorn und Hetten.

In Hetten sammelte mich gleich eine ältere Damen auf. „S’wollens doch bestimmt hoch droben. S’könnes hier gleich lang.“ Sie zeigte in die Wohnsiedlung Richtung Wald. Noch vor Jahren hätte ich ohne Überlegung zugestimmt. In was für Situationen Einheimische einen bringen können, wenn sie einem dem Weg zeigen, hatte ich ausreichend erlebt. Challenge Donauwörth, Challenge Gersthofen und Challenge Spielberg fielen mir gleich ein. Somit bedankte ich mich, lief zum Gasthaus, um dann zum gezeigten Weg zu gelangen. Sorry.

Dann ging es Richtung Hoher Peißenberg. Jenny Wood war auf einmal sehr präsent. Kurz musste ich darüber nachdenken, 26 Jahre war sie jung.

Pilzknödel und eine warme Dusche

Der Ausblick war fast tadellos. Die Wolken, die sich den ganzen Tag gesammelt hatten, blieben hoch am Himmel stehen. So hatte ich eine relativ gute Sicht. Nach Pilzknödeln schaute ich mir die Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt noch an.

Langsam machte ich mich in Richtung Stadt auf und stieg den Hanslweg ab. In Hohenpeißenberg war der Bergbau noch immer präsent. Alte Güterloren in der Stadt und ein Bergbaumuseum informierten die Gäste. Mein Schlafplatz lag am anderen Ende des Ortes. Der Weg dorthin führte mich an einem Supermarkt vorbei. Bewaffnet mit Tomaten und Melone zum Abendessen stiefelte ich Richtung Campingplatz. Ich traf einen netten älteren Herren, der mich fragte, woher ich denn komme. Meine Heimat angebend, machte er große Augen. „Das ist weit.“, sagte er und lief weiter. ‚Ah, er wollte meinen Startpunkt wissen‘, aber da war er schon um die Ecke. Ziemlich erledigt kam ich am Campingplatz an. Dieser lag weit draußen und auf den ersten Blick erschien er mir – nun ja – nicht so gemütlich. Wie man sich doch irren kann.

Nach dem Empfang auf dem Campingplatz Ammertal , brachte man mich zur Zeltwiese und sagte: „Na schau mal, ob du was brauchbares findest.“ Der Regen hatte alles unter Wasser gesetzt. Da noch nicht so viele Camper auf dem Platz waren, fand ich zwischen den Wohnwagen eine relativ trockene Stelle. Geschützt, unweit der WC-Anlage und mit Blick auf den See. Ich hatte nach einer heißen Dusche eine erholsame Nacht. Die Nacktschnecken hatten sich wieder auf meiner Schlafstatt ausgebreitet. Überall sah man weiße Spuren. Und so begann ich am Morgen das Sammeln.

Durch die Ammerschlucht nach Rottenbuch

Mit einem mulmigen Gefühl trabte ich los. Die Nacht war zwar trocken geblieben, aber die Ammerschlucht könnte trotzdem nass und rutschig sein. Die Etappe war heute mit 12,5 km aber recht kurz. Und sehen wollte ich sie unbedingt. Im Ort besorgte ich mir Frühstück und fuhr eine Station mit der Bahn an den gestrigen Punkt zurück. Der Weg in Richtung Ammerschlucht zog sich ruhig dahin. Dann gelangte ich zur Ammer und jetzt war es nicht mehr weit.

Endlich war ich am Kalkofensteg. An dieser Holzbrücke stieg ich in das Abenteuer Ammerschlucht ein. Steige, Stufen, Brücken, Pfade und Stege führten mich durch die teilweise steil abfallende Schlucht hindurch. Stellenweise war es recht matschig und meine Stiefel wurden immer schwerer. Eigentlich viel zu schnell war ich am Flussufer der Ammer angekommen. Bei traumhaftem Wetter suchte ich mir einen Baumstamm und genoss die Natur. Und für eine Stunde war ich inmitten dieser Feenlandschaft einfach nur. Just Being.

Rottenbuch

Blick auf das Klostergelände vom unteren Tor aus. Der Kirchturm ist präsent in der Mitte des Weges zu sehen.

Wieder zurück in der Realität und auf der Straße ging es weiter nach Rottenbuch. Für den nächsten Tag war Regen vorhergesagt, daher hatte ich meinen Stellplatz in ein Schlaffass getauscht. Ich passierte die Fischteiche und betrat den Klosterhof Rottenbuch. Dort besuchte ich die Kirche und schaute mir das Klostergelände an. Das Kunstcafé am Tor hatte geöffnet und mein Etappen-Cappuccino wartete auf mich. Dann ging ich zum Platz, bezog mein Fass, startete die Waschmaschine und freute mich auf meinen kommenden Zeroday.

Über die Wieskirche nach Lechbruck

An meinem Zeroday regnete es in Strömen. Die Pilgerer neben mir mussten weiter, da sie noch eine weite Strecke auf dem Jakobsweg vor sich hatten. Gegen Mittag stiefelte ich mit meinem Regenschirm ins Dorf, um ein paar Leckerbissen aufzutreiben. Dann kuschelte ich mich wieder in die Daunen und hoffte, dass meine Wäsche bis zum Morgen trocken sein würde. Es war ziemlich kalt geworden.

Ein seltener Fund

Meine noch leicht feuchte Wäsche packte ich in den Rucksack und zog am nächsten Morgen los. Der Regen hatte aufgehört und Nebelbänke in den Tälern hinterlassen. In einer solchen Nebelbank stand ich an diesem Morgen beim Bäcker. Frischer Kaffee und ein leckeres Brötchen belebten mich und ich startete in meine nächste Etappe.

Der weitere Weg war gut zu laufen und man konnte immer wieder Nebelfelder in den Tälern entdecken. Der Himmel war wolkenlos und ich wusste, dass es an diesem Tag wieder sehr warm werden würde. Im Örtchen Wildsteig kam ich an einer schönen Kirche vorbei und hatte das Glück, eine Toilette zu finden. Entlang des Wiesweges kam ich zum ehemaligen Wildsteiger See. Ein jetzt trockenes Tal war früher mal ein See gewesen. Eine Tafel informierte mich über Entstehung, Flora und Fauna. Ein paar Jungbullen standen auf einer Wiese und äugten neugierig in meine Richtung. Ich begrüßte sie, wünschte ihnen einen schönen Tag und trabte weiter. Der Weg führte mich in eine Moorlandschaft. Durch das Naturschutzgebiet hindurch gelangte direkt zu einer Wanderer-Bar. Ein Dankeschön an den Wirt.

Jugendwallfahrt zur Wieskirche

Und da stand sie, das Rokoko-Juwel. Als UNESCO-Weltkulturerbe ist die Wieskirche eine wunderschöne Lady. Als ich den Weg in Richtung Kirche einschlug, empfingen mich viele junge Menschen. Es war Jugendwallfahrt und richtig was los. Alles war bunt geschmückt und ein großartiger Austausch begann für den Tag. In der Kirche selbst spielte ein großes Orchester moderne Melodien und die Akustik war einfach unglaublich. Da schon einige Reisebusse vor Ort waren, standen jetzt unzählige Menschen mit ihren Handys und nahmen die Szenerie auf. Auch ich konnte nicht wiederstehen.

Im Deckenfresko sah ich das Tor zum Paradies. Es war verschlossen, Chronos lag davor am Boden und das Buch des Engels war noch nicht aufgeschlagen. Die Schlange war darüber zum Ring geworden – das Symbol der Ewigkeit. „Tempus non erit amplius“ – „Zeit wird nicht mehr sein.“

Minimönche und kräftige Flößer

Am Gasthof Moser, der sich unterhalb der Kirche befand, gab es für mich Brotzeit. Nach einem großen Glas Rhabarberschorle und einer großartigen Weißwurst – für mich einmal im Jahr ein Muss – ging es weiter in Richtung Brettleweg. Der Holzsteg führte mich durch eine Moorlandschaft und weiter nach Steingaden zum Welfenmünster. Den Klostergarten schmückten zahlreiche kleine Skulpturen – winzige Mönche bei der Arbeit im Klostergarten. Großartig!

Meine heutige Etappe zählte ca. 22 km und sollte eigentlich in Prem enden. Den Plan, in Lechbruck auf dem Campingplatz zu übernachten, verwarf ich schnell. Die Regentage hatten den Boden so aufgeweicht, dass es eher einem Schlammbad gleich gekommen wäre. Also suchte ich mir eine Pension und begab mich zum Premer Filz. In der Königfilzhütte informierte ich mich über die Torfstecherei und machte eine kurze Brotzeit. Dann stapfte ich weiter in Richtung Lechbruck. Der Lech präsentierte sich in einem fabelhaften türkis. Ich setzte mich ans Ufer und schaute dem Treiben der Floßfahrer zu. Ohne Muskeln läuft dort nichts.

Bruno und das Schnitzel

Ein heller Labrador liegt auf der Wiese und zieht ein Schmollgesicht. Seine Besitzer sitzen neben ihm und essen ein Schnitzel.

Das Zuschauen machte mich hungrig. Jetzt war es Zeit für den Gasthof und ein Abendessen. Der Biergarten war schon geöffnet und es war Schnitzeltag. Bruno lag neben mir in der Sonne, inmitten leckerer Düfte und schaute etwas mürrisch. „Was los?“, fragte ich und bekam zur Antwort nur ein Schnauben. Bruno schenkte mir keinen Blick. Ich lächelte verständnisvoll: „Sie teilen nicht, oder?“, versuchte ich ein Gespräch in den Gang zu bringen. „Nie.“, kam als brummige Antwort zurück. „Zuhause dann, da gibt es einen ollen Hundekeks … bäh. Ich will Schnitzel und den anderen Fetzen vom Nachbartisch. Und dein Schnitzel. Warum ist da Tomate drauf … bäh… Und jetzt, lass mich in Ruhe, damit ich weiter schmollend schauen kann.“ Alles klar, Großer. Ich verstehe dich. Und er hatte recht, die Schnitzel waren köstlich – auch mit Tomate.

Füssen

Am Abend hatte ich eine Zecke entfernt. Obwohl ich die Hose in den Socken hatte und hohe Stiefel, hatte sich ein Biest an mein Bein gewanzt. Ein winzig roter Ring zeugte noch von der Einstichstelle. Bei meinem fabelhaften Frühstück vergaß ich alles schnell und freute mich auf den heutigen Tag. Ich würde in Füssen ankommen. Auf dem Weg dahin, warteten viele Spots auf mich. Und so lief ich in Richtung Prem.

Wunde Füße und ein Bisschen

Am Lechuferweg entlang gelangte ich zur Lechstaustufe 2, dem Premer Lechsee. Der Blick von der Staumauer war grandios. Mit dem Blick auf die Allgäuer Alpen kämpfte ich mich an diesem heißen und sehr sonnigen Tag in Richtung Endziel. Der Weg zog sich durch wunderbare Dörfer, die Bauern waren auf ihren Feldern unterwegs, Staub lag in der Luft. Zwischen Häringen und Greith fragten mich zwei Paare, wofür ich denn trainiere. Sie spielten auf meinen schweren Rucksack an und ich dachte mir: „Der war schon schwerer.“ Und der Rucksack war wirklich nicht mein Problem. Das war diesmal der Asphalt. Irgendwann gab es nur noch Asphalt und meine Füße brummten und brannten wie Feuer. Ich wusste, dass mich gleich jede Menge Badeseen erwarteten und nahm mir vor, an einem zu rasten und meine Füße zu kühlen. Trotzdem musste ich meine 25 km an diesem Tag schaffen.

Am Hegratsrieder See zog ich meine Stiefel aus und glaubte, nicht richtig zu sehen. Eine weitere Zecke hatte sich durch die Strümpfe und die Hose in den Stiefel gewanzt und sich dick und fett ausgiebig zwischen Bein und Stiefelschaft gerieben. Ich entfernte das Miststück, kühlte meine Füße, desinfizierte und verband alles und lief weiter.

Die Holzkapelle Maria am Weg im Allgäu. Eine sehr kleine Holzkapelle mit Altar und Christusfigur.

Zwischen Bannwald- und Forggensee aß ich genüsslich mein Brötchen und freute mich über den Tag. Ich hatte heute schon so viel erlebt. Gleich würde ich auf die Holzkapelle Maria am Weg treffen. Und da war sie auch schon. Auf einer kleinen Glasplatte am Eingang war zu lesen:

„Tritt ein und verweile, vergiss des Lebens Eile. Höre auf dieses feine, unaufhörliche Geräusch – es ist die Stille. Horch auf das, was man hört, wenn man nichts mehr vernimmt.“

Solltet ihr mal in der Gegend sein. Dieser wundervolle Ort ist unbedingt einen Abstecher wert. Und dieses unaufhörliche Geräusch ist einfach unbezahlbar.

Die Schlösser und die Pest

Tegelberg

Endlich hatte ich Schwangau erreicht. Berge, Schlösser und das Ammergebirge. Es war wunderschön. In der Touristeninformation ging ich schnell auf die Toilette. Hier musste ich mich entscheiden, ob ich gleich noch auf den Tegelberg aufsteigen wollte, oder erst am Folgetag. Ich entschied mich für den nächsten Tag, da ich ganz schön erledigt war. Immerhin musste ich noch auf 1.730 m. Ich aß eine Kleinigkeit an einem Imbiss und lief in Richtung St. Coloman. Der Pestfriedhof erinnerte noch an schreckliche Zeiten.

Schlösser-Bade-Paradies

Mit Blick auf Schloss Neuschwanstein lief ich in Richtung Gipsmühle und von dort zur Pöllatschlucht. Diese war aufgrund von Steinschlägen gesperrt und auch die Marienbrücke unterzog sich einer Sanierung. Ich passierte Hohenschwangau und bog in ein Waldstück in Richtung Schwansee ein. Einen Blick auf Schloss Hohenschwangau konnte ich auch noch erhaschen. Dann nahm mich der Schwanseepark in seinen Bann. Jede Menge Einheimische und bestimmt auch Urlauber hatten sich um den See herum zum Sonnenbaden versammelt.

Endspurt

Es war schon ziemlich spät und somit suchte ich den Aufstieg zum Kalvarienberg. Nach 24 km kam er mir vor wie der Mt. Everest. Auch der Rucksack wog bestimmt 50 kg. Auf 953 m hatte ich die letzte Anstrengung des Tages erreicht. Kleine Kapellen erzählten den Leidensweg Christi und ich schämte mich fast, dass ich meinen Rucksack als schwer empfand. Der Gipfel bot mir einen unglaublichen Ausblick über Füssen, die Schlösser, die Seen und die Berge. Der Abstieg führte mich über die Marienkapelle, vorbei an der Kirche „Unserer lieben Frau am Berg“ und dann entlang des Lechs. Die Theresienbrücke brachte mich über Füssens Altstadt in mein Bett.

Der Wecker klingelte sehr zeitig. Noch regnete es in Strömen, aber es sollte am Tag aufklaren. Bepackt mit einem pappigen Brötchen vom Vortag lief ich in Richtung Schwangau. Nach 120 km war Entfernung jetzt relativ. Angekommen an der Talstation fand ich auch gleich den Schutzengelweg. Dieser führte mich bis zur Rohrkopfhütte. 1.320 m hatte ich nun schon erreicht. Da es noch sehr früh und ich sehr durstig war, machte ich eine kurze Pause. Die Sonne kam auch langsam heraus und es wurde warm. Auch meine Beerenschorle schmeckte köstlich.

Weite Blicke

Der Ausblick auf die Schlösser war einfach nur wunderbar. Immer weiter ging es nach oben. Nach einem Waldstück führte der Weg dann richtig steil hinauf. Die Steine am Boden waren sehr rutschig und verlangten mir an diesem Tag alles ab. Ein älterer Herr hinter mir hatte ebenfalls mit der Schlitterpartie seine Last. Aber wir spornten uns gegenseitig an. Gemeinsam schafften wir das Teilstück. Der Wald lichtete sich und immer wieder gab es jetzt traumhafte Ausblicke auf die Umgebung. Und dann war es soweit. Der Berg lag nun weit und flach vor uns und wir mussten uns den Gipfel nur noch nehmen.

Vom Tegelberghaus brachte mich die Kabinenbahn wieder nach Füssen. Langsam streuselte ich zurück in die Stadt und genoss die letzten Stunden in Füssen’s Altstadt. Zurück im Hostel begann ich, meinen Rucksack zu packen.

Zurück in den Norden

Am Morgen ging ich mit gefühlt 1.000 Bildern bepackt zum Bahnhof. Die letzten Tage waren so voll mit Eindrücken, wie ich sie selten erlebt hatte. Der Weg präsentierte sich unglaublich abwechslungsreich. Zufrieden fuhr ich in Richtung Hamburg. Mich störte nicht einmal die Verspätung der Deutschen Bahn. Was mich störte, waren die roten Ringe am Bein, welche immer größer wurden. Die kleinen Biester hatten mir eine Borrelieninfektion verpasst. Warum der Ring so groß ist? Ich benötigte zwei Anläufe bei meinem norddeutscher Arzt, bis er mir glaubte, dass es eine Infektion durch Borrelien war und mir das passende Antibiotikum verschrieb.

Fazit

Ich brauche immer etwas Herausforderung. Die darf mich auch manchmal gern über meine Grenzen bringen. Und so fuhr ich mit dem Gedanken nach Starnberg, dass der König-Ludwig-Weg vielleicht etwas langweilig sein könnte. Aber das war er wirklich nicht. An jeder „Kreuzung“ gab es etwas Neues zu entdecken. Wer gerne kulinarisch unterwegs ist, kommt hier auf seine Kosten. An jeder Etappe waren Übernachtungsmöglichkeiten vorhanden. Auch die Beschilderung war eindeutig. Klare Empfehlung.

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